vogelflug-migration [1992]

Ausstellung im Goethe House New York, 1992

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Eisenskulptur, Erdsäulen, Windrad
Tauben, Taubenschlag, vier Monitore
Videos aus dem Grand Central Station in Manhatten
Texte römischer Auguren (Vogelflugdeuter)
1992

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Der Text des Videos:

Es erwies sich, dass der menschliche Geist von sich aus in eigener, ungehemmter und freier Bewegung, zwiefach prophetische Fähigkeiten entwickeln kann: im Zustand des Traums und im Zustand der Raserei.

Worin besteht also das Wesen des Sehertums?

Es macht, dass Vögel, die regellos hier- und dorthinschweifen, etwas anzeigen und ein Handeln bald gebieten, bald verbieten, entweder mit ihrem Gesang oder ihrem Flug. Die Zeichen werden nicht durch eine absichtliche Handlung des Menschen hervorgerufen, sondern tragen sich von selbst im natürlichen Lauf der Dinge im Raum zwischen Himmel und Erdboden zu.

Der Zugvogel pflegt zweimal jährlich in das Stadium der Zugbereitschaft zu treten; der Vogel setze sich nunmehr zum Zug in Bewegung, und, soweit er dies als Käfigvogel nicht vermag, äussert sich die Zugunruhe durch Flattern oder durch schwirrende Ausschläge der halbgeöffneten Flügel.

Manche Vogelarten ziehen einzeln, andere in mehr oder weniger geschlossenen Verbänden, bei denen die Einzelvögel ziemlich gleichartige Abstände einhalten und bei Richtungs.- und Geschwindigkeitswechsel in bestimmter Weise manövrieren. Die Entfernung, welche sie zurücklegen, ist unermesslich. Den Zeitpunkt des Abflugs setzen sie gemeinsam fest. Sie ziehen in die Höhe, um weithin sehen zu können, wählen einen Führer, dem sie folgen und haben am Ende der Flugformation abwechselnd Vögel verteilt, die den anderen zurufen und die Schar durch ihre Stimme zusammenhalten sollen. Mit dem Südwind fliegen sie nicht. Dieser ist natürlich feucht und zu schwer; andererseits wollen sie sich wegen ihrer Körperschwere und ihrer geringen Kräfte vom Wind tragen lassen – deshalb jener Klageton, der ihnen die Anstrengung beim Fliegen auspresst.

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“ZufliegendeVögel”, durch ihren Flug günstige Zeichen gebend, sind jene, die in hurtigem, günstigen Voranflug höher und mehr himmelwärts fliegen.
“Langsam” werden Vögel genannt, die einen, der eine Tat vollbringen will, dazu bewegen, die Angelegenheit hinauszuschieben.
“Umflieger” sind Vögel, die im Fluge einen Kreis beschreiben.
“Hässlich” werden Vögel genannt, die durch ihren Gesang Unglück ankündigen.
“Über alles hinausschweifend” wird ein Vogel genannt, der vom höchsten Gipfel aus seine Stimme erhebt, weil er gleichsam in höchster Höhe und über alles hinaus fliegt.
Der buntgefiederte Feldvogel deutet auf Verwirrung, ein Felsenvogel auf Hungersnot.
Gute Zeichen gibt der weisse Reiher, wenn er gen Süden oder Norden fliegt.

Quellen:

Marcus Tullius Cicero: Über die Wahrsagung.
Hrg. und übers. von Christoph Schäublin, Darmstadt 1991

Theodor Mommsen: Römisches Staatsrecht, Bd. I, S. 74, Leipzig 1876

C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde, Bd. X.; Hrg. und übers. von Roderich König, München 1986

Ernst Schüz: Vom Vogelflug, Frankfurt 1952

Sextus Pompeius Festus: De verborum significatu …,
Hildesheim, New York 1978
Übersetzung von Werner Damm

C.O. Thulin: Die etruskische Disciplin, Darmstadt 1968